Lang lang ist in meinem Leben nichts passiert, was auch nur die Form eines Spannungsbogens angenommen hätte, deshalb habe ich in letzter Zeit nichts in dieses Internet gestellt. Ich wollte keinen mit "Ich habe gefurzt; das war das spannendeste Ereignis der letzten Tage"-Einträgen quälen.
Der Leser ist König und bei mir gleich Kaiser!
So gab es nun gestern wieder ein Ereignis, über dass es sich zu berichten lohnt: Melissa und ich gingen aus. Wir gingen aber nicht so richtig aus, aber irgendwie doch und damit sich hier keiner Fragezeichen ins Müsli löffeln muss, erkläre ich das ausschweifend und bins ins kleinste Detail, so wie mans kennt und wie mans liebt.
Jedenfalls fragte mich Mel Anfang der Woche, ob ich Lust hätte, mit ihren Marinekollegen einen drauf zu machen (der genaue Wortlaut war zwar eher in eine Bar zu gehen, aber zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ich werd ja nicht jünger). Die letzte Veranstaltung mit Mels Freunden war zwar ein wenig fad und die Frauen sprachen mich nicht an (weder vom Aussehen her, noch mit dem Mund), aber als gütiger Mensch, gab ich den Naturwissenschaftlern nun noch eine Chance.
Nun weiß man nicht welcher Teufel uns ritt, aber Mel kam aus unbekannten Gründen auf die Idee, ein Kleid anzuziehen und ungefähr 33cm hohe Absatzmaltretieren an ihre Füße zu tackern. Auch eine überdimensionale Schmetterlingsbrosche verirrte sich in ihr Haar und ich würde schwören, dass man mit den kantigen Flügeln Kinder umbringen kann, wenn man denn stark genug wirft.
Da ich als Gentleman und wenigstens in meinem Kopf, modebewusster Mensch, nicht wie das hässliche Entlein erscheinen wollte, schleimte ich mir zwei Tuben Gel in die gewaschenen Haare, sprang in ein Hemd und zog die feinen Schuhe aus meinem Schrank hervor und an meine Füße.
So aus dem Ei gepellt staksten wir zur Metro; Mel eher staksiger, als ich in meinen mittlerweile eingelaufenen Schuhen (Gott taten die mir bei meiner Graduierungsfeier in die Zehen schneiden. Und aufgrund eines durch Zufall herbeigeführten Alkoholpegels und ständiger Rumrennerei, bestätige ich hiermit, dass ich am nächsten Tag blutige Socken hatte! Ganz echt und ehrlich!)
Die Metrofahrt als solche kann man als unspektakulär, langweilig und belanglos beschreiben, weshalb sie keine weitere Erwähnung finden wird.
Wir kamen an der Station an und die Bar war glücklicherweise ganz in der Nähe des Ausstiegslochs.
Da Mel sich mit ihren Kommilitonen vor der Bar verabredet hatte und bisher nur mein belgischer Homie Etienne in Sichtweite war, warteten wir in der Kälte vor dem Etablissement.
Insgesamt wurden wir recht viele, aber während wir so im Warten inbegriffen waren, ereignete sich doch etwas, was ich so noch nicht zu Gesicht bekommen habe:
Schwimmclub.
Da muss ich mal ein ernstes Wort mit dem Christopher wechseln, ob das nun am Club oder an der Location liegt.
Jedenfalls. Schwimmclub. Abgefahrener Scheiß. Eine Meute von ungefähr 40 Personen beiden Geschlechts, die einfach lustig ihre Klamotten getauscht haben
Das bedeutet Mädels, die auf einmal Surfershorts und Tshirts anhaben und Jungs, die in Röcken oder Bikinis durch die Gegend rennen. Ziemlich bizarr anzuschauen bei Temperaturen, bei denen ich mit langer Hose, Tshirt, Hemd und Jacke unterwegs bin und meine Hände trotzdem Eiszapfen sind. Die jungen Menschen sind also entweder einiges gewohnt oder allesamt rotzebesoffen und merken die Grade gar nicht. Viele von ihnen sind mit Schwimmflügeln bekleidet und eine Dame hat sogar ein riesiges, aufblasbares Drachenmonster im Gepäck.
Die Herren tragen oftmals Schnorchel am Haupte und wen dies erst wundert, der stellt fest, dass man mit diesen wunderbar trichtern kann. Die frage bei der männlichen Gattung, welche mir sofort in den Sinn kam, war: Wo haben die ihr Geld?
In England bekommt man unglaublich große Münzen, da die 10 Pencemünze hier größer als das Pfund ist und allesamt sind schwerer als der Euro und wenn die Bikinis schon so knapp sind, dass man teilweise den Eiersalat begutachten kann ... wo ist das Kleingeld hingewandert? Ich bin der Frage nicht weiter nachgegangen, aber empirisch ließe sich da bestimmt was machen.
Die soeben erwähten Schnorchel sind im Basement, wo wir den Abend nun starten auch durchaus von Vorteil. Erstens ist die Musik ziemlich beschissen, zweitens ist der Boden nass und siffig, drittens will man hier wohl eh nur günstigen, krankheitsbehafteten Sex abgreifen und letztens kosten hier 3 Bier nur 5 Pfund, was dem ganzen das Prädikat "Früh hingehen, Geld dalassen und dann besoffen sein" einbringt. Kein Ort zum Wohlfühlen aber Abfüllen.
Wir bleiben leider länger als erhofft und immerhin bekomme ich dauernd Bier und Kurze, aber die Verkleidungen wandeln sich nun in Richtung Feuerwehrfrauen, Polospieler und auch ein übergroßes Plüschkostum konnten meine Äuglein ausmachen.
Zusammengefasst, erinnert alles ziemlich an eine Verbindungsparty von amerikanischen Collegeboys und wer das mal erlebt hat, der will selbst nach dem Anblick nur schnell heim und duschen.
Im Basment erleben wir auch noch eine Freundin der Freunde von Mel, die, sagen wir "einen ungewöhnlichen Bekleidungsstil" pflegt. Und zwar trägt Bragirl, wie ich sie nur nenne, eine Art Büstenhalter über ihrem schwarzen BH (dank den offensichtlichen Trägern ist die Farbe offensichtlich) und dieser Halter hat die Beschaffenheit einer beigen Gardine.
Erst dachte ich, dass die Dame zum Schwimmverein gehört, doch dies stelle sich als Irrtum heraus. Jedenfalls trägt Bragirl einen sehr hochgezogenen Rock, der einen Spalt zwischen Bustier und Rock lässt und erst dachte man, dass da unten ihren Hupen rausschauen, doch das war irgendwie Bauch und sehr seltsam anzuschauen. Professioneller und lupenreiner Männerfang mit Gehirn sieht anders aus. Finde ich.
Danach geht es auf ins Sinners und der Name is Programm. Namensgebungstypisch steht ein Käfig im Eck auf einem Podest, aber alle, die es in den Käfig wagen, sind wenig zirkusfirm und stehen dumm rum und geilen niemanden auf. Nicht mal Internetwichser würden da Freude strahlen.
Mel beschwert sich auch über die tänzerischen Nichtqualitäten der Teilnehmer, weil sie wohl mal als solche gearbeitet hat und das kann ja nur als Pluspunkt verbucht werden. Der Mietvertrag erlaubt mir nicht, dass ich Stangen oder Käfige in meinem Zimmer aufbaue, so dass der Mehrwert dieser Entdeckung doch eher gering bleibt.
Das Sinners ist heller und einladender als der Keller, aber eine Viertelstunde auf ein Bier anzustehen frohlockt mich nicht, die BBC-News auf den Bildschirmen wirken nicht atmosphärisch und auf der Toilette gibt es zwar wieder Deo und Parfum und den obligatorischen Schwarzen, der einem diese aufsprüht, aber wenn man dies nicht möchte und sich damit nicht in den Kreis der Trinkgeldgeber aufkauft, dann bekommt man nicht mal ein Papierhandtuch, um sich die Hände abzutrocknen. Service wird jedenfalls anders geschrieben.
Im Sinners sehe ich auch das erste Mal zwei Kerls den Kopf aneinanderlehnend und sich gegenseitig brünftig etwas entgegendrufend. Das hat man gesehen! Das kennt man aus Filmen! Und albern ist wohl das richtige Wort für solch ein Benehmen.
Wir haben die Nasen voll und ziehen weiter ins Bellatyne, dessen Namen ich nun auch kenne. Erprobter Leser kennt den Ort als Bar in den Gates, der weiß eingerichtet ist und in orangenem Licht erleuchtet ist.
Hier verbringen wir ein paar Takte, ich trinke Bier und es passieren noch Dinge:
Als Mel und ich kurz nach draußen gehen um uns an der frischen Luft eine Zigarette zu erlauben, betreten Alice und Etienne den Eingangsbereich. (Alice tauchte auf, weil Etienne ihr schrob. Ich sagte Hallo und das wars). Wir wiesen die beiden per Handzeigerei in Richtung des Tisches, wo die anderen saßen.
Als wir nach der Pause wiederkamen, war von den beiden nicht die kleinste Spur zu sehen, so fragte ich Josy und James, die neben mir saßen, ob sie den Belgier gesehen hatte, da ich nicht davon ausging, dass sie sich den Namen des Jungen gemerkt hatten.
Das Gespräch spielte sich dann folgendermaßen ab:
Ich: Habt ihr den Belgier gesehen oder kam der an den Tisch?
James: Der Franzose?
Ich: Nein, der Belgier!
James: Welcher Belgier? Der Franzose, der Französisch spricht?
Ich: Nein, der Belgier mit starkem französischem Akzent im Englisch.
Jamesn: Welcher Belgier? Mit uns war ein Franzose unterwegs.
Ich: Ne, der war aus Belgien und hat Englisch gesprochen.
James: Irgendwer hat französisch gesprochen.
Josy: Nein, keiner hat franzözisch gesprochen. Er war ürbigens nicht hier am Tisch.
James: Was sprechen die überhaupt für ne Sprache in Belgien? Belgisch?
Ich: Nein, die haben als erste Sprache französisch, aber er spricht hier englisch.
James: Wo kommst du überhaupt her?
Ich: Aus Deutschland, hab ich dir schon gesagt.
James: Also sprichst du französisch!!
Ich: Nein, ich komm aus Deutschland, ich spreche ursprünglich deutsch! Ich wollt doch nur wissen, ob ein Belgier am Tisch war.
James: Ne, von nem Belgier weiß ich nichts. Aber am Anfang des Abends war ein Franzose da.
Josy und ich: NEIN!! Der war aus Belgien!!!!
James: Wo liegt dieses Belgien überhaupt? Was sprechen die da?
An dieser Stelle bin ich einfach ausgestiegen, weil mir das zu doof war. Wenn James nicht trinken UND denken kann, dann soll ihn irgendwer heim oder aufs Klo bringen.
Ich traf dann noch ein Mädchen aus Irland, die wohl auch zur Gruppe gehörte. Sie sprach nur davon, wie sehr sie Käse liebe und, dass sie sehr betrunken sei, wofür sie sich vier Mal entschuldige. Ich war wohl der einzig Nüchterne. Engländer sollten wirklich an ihrem Trinkverhalten drehen, wenn ICH sogar nüchtern wirke. Sehr seltsam dieses Eiland.
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