Ich bin nun also ein Mitglied des Debattierclubs an der Uni. Seit einigen Stunden habe ich mich online angemeldet und brav meine Beitrittsgebühr bezahlt.
Bisher war ich zwei Mal bei den Treffen des Clubs; das "Social" habe ich aufgrund von Orientierungsschwierigkeiten, gefolgt von Frustration und dann Wut, ausgelassen. Ich dachte mir, dass Debattieren eine gute Möglichkeit ist, mit der Sprache noch familiärer zu werden und wichtige Redewendungen ins Blut übergehen zu lassen. Grade wenn ich später mal in der Unternehmenskommunikation arbeiten wollte, kann das garantiert nicht schaden.
Letzte Woche hatte ich also allen Mut zusammengenommen und mich in die Räumlichkeiten der Uni aufgemacht, um zu sehen, wie das so vor sich gehen würde.
Ich halt mich da nun kurz: Im Debattierclub sind ganz unterschiedliche Menschen anzutreffen. Es lässt sich aber feststellen, dass sie meisten dort schon einiges an Debattiererfahrung haben und in ihrer früheren Schule bereits Mitglieder des dortigen Debattierclubs waren.
Der Debattierclub in Neukassel überm Tyne hat eine langjährige Tradition und gehört mit zu den Mitgliedsstärksten Clubs der Uni. Insgesamt habe man um die 100 Mitglieder, hörte ich von einem der Führer des Clubs. Das kann ich nicht so ganz glauben, da sich bei den wöchentlichen Treffen nur rund 20 Personen aufhalten.
In Neukassel wird nach britischem Parlament Style debattiert. Für alle, die das nicht kennen, erkläre ich das in Kürze. Ich wusste selber nicht, wie das genau von Statten geht. Haltet euch also bitte nicht für doof. Hier ist eh alles anders.
Also, Debatten gehen hier so ab:
Am Tisch sitzen 4 Teams à 2 Mann oder Frau. Jeweils zwei Teams stehen auf der selben Seite, entweder Proposition oder Opposition. Man wird von einem der Debattiermitglieder in eines der Teams gewählt und kann sich dann mit seinem Partner absprechen, wer die erste und wer die zweite Position einnimmt. Insgesamt läuft das dann so ab, dass Propmitglied 1 den Fall eröffnet und das Thema wiederholt, erzählt worum es seinem Team geht und dann die markanten Argumente vorträgt. Dazu hat man fünf Minuten Zeit. In dieses gibt es ein 1-3-1-System. Das bedeutet man hat eine Minute, in der man ungestört reden darf. Danach folgen drei Minuten, in denen die Gegenseite versuchen kann "Points of interest" einzuwerfen. Diese sollen als neutral gehalte Anmerkungen gesehen werden. Der aktuell Debattierende muss die Einwürfe nicht annehmen, aber es gibt wohl Punktabzug, wenn man gar nicht reagiert.
Nach dem ersten Propmitglied folgt das erste der Opposition und macht im Grunde das Selbe, wie der Mensch der Prop, nur dass die Opposition natürlich bereits Punkte der Proposition aufnimmt und dagegen angeht. Prop2 und Opp2 fahren dann fort und Prop3 und Opp3 spitzen die Debatte dann zu, bis Prop4 und Opp4 eine Zusammenfassung der Debatte liefern.
Danach setzen sich die Richter zusammen und diskutieren, wie sich die Einzelteams geschlagen haben, so dass es am Ende eine Wertung von 1 bis 4 gibt.
Um gut abzuschneiden bedarf es sowohl einer guten Analyse des Themas, als natürlich auch überzeugender rhetorischer Kenntnisse und Redekunst.
So saß ich beim ersten Treffrn ruhig auf der Bank der Ringrichter und sah mir das Geschehen vom Rande an. Ich hatte keine Ahnung, was die genauen Positionen tun müssen und wie das mit der Länge geregelt wird und war deshalb sehr froh, nicht aktiv am Treiben teilzunehmen.
Nun ging ich am Dienstag wieder hin, weil der Debattierclub durchwegs nette Leute angezogen hatte und mir besonders die arrogante Art des Südafrikaners sehr lag. Ich saß also so mit einem Bier in der Hand in den Räumlicheiten und bekam auch als erster die Anwesendheitsliste. Flugs trug ich dahinter noch die Zugabe "Judge" ein, da ich mir das Geschehen gerne noch mal von weiter Ferne anschauen wollte.
Die Liste ging also herum und ich unterhielt mich ein bisschen mit Peter, dem Afrikaner.
Claire, die Präsidentin des Clubs, begann dann mit ein wenig Verspätung die Eröffnung der neuen Zusammenkunft. In diesem Rahmen fiel auch auf, dass es zwei Teams ergeben würde, ein Team aber nur 7 statt 8 Mitglieder habe, so dass einer der Judges zugeteilt wurde. Es traf Becky, die grade zum ersten Mal bei einem Treffen des Clubs anwesend war und ich lachte heimlich, weil ich schon befürchtete, dass ich nun ins saure Wasser springen müsste.
Danach wurden dann auch zwei Themen vorgestellt und wie auch beim vorigen Mal hatten die Mitglieder die Möglichkeit abzustimmen, zu welchem Thema sie sich lieber in die Haare bekommen wollten.
Der Zuschlag ging an das Thema "Dieses Haus ist dafür, dass nur Frauen an Volksentscheiden teilnehmen dürfen, sofern der Entscheid Abtreibung betrifft".
Nachdem das Thema nun bekannt war, machten sich die Gruppen auf, um zusammen eine Argumentation für oder gegen das Thema zu erarbeiten.
Die Judges versammelten sich bei Claire, die noch mal rekapitulierte, auf was wir am meisten achten sollten. Hierbei stellte sich leider auch heraus, das Becky nicht so ganz mit dem Debattieren zufrieden war und lieber nicht gleich daran teilnehmen wollte. Nun entwickelte sich alles sehr schnell und die Wahl viel auf mich und die Österreicherin. Diese schlug nun ein männliches Schere-Stein-Papier vor, best of three. Mit einem Grinsen schaute ich sie an und fragte sie noch, ob sie dies denn ernst meine. Immerhin hatte ich Schere-Stein-Papier studiert wie kein anderer. Und in meinem Freundeskreis weiß man "Stein gewinnt immer". Das ist empirisch belegt und so mancher Trinkspielveteran kann davon mehr als nur ein Lied singen, sondern mindestens zwei oder sogar drei,.
Nun ging es also hin.her.hin.her und ich zog: Stein.
Katharina oder wie die Ische heißt konterte mit: Papier.
Fuck! So war das aber nicht gedacht.
Nachdem ich nun dummerweise mit Schere eröffnete und SIE den passenden Stein hatte, musste ich debattieren.
Und das tat ich. Ich möchte mich gar nicht mehr zu lange darüber äußern, weil ich fand, dass ich mich furchtbar im Kreis gedreht habe, aber dank Peters guter Leistung, wurden wir sogar das beste Team. Oskar, der Head of Judging fand meine Rede für einen ersten Versuch in einer anderen Sprache großartig.
Nur damit ihr mal wisst, wie man hier die Leute beeindruckt.
Nun werde ich also alle rocken und denen zeigen, wie man debattiert.
Ich bräuchte da nur noch den passendne Wortschatz ...
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